Zeitfenster Verlag

Interview mit Ulrike Thomas zu Schweineleben

Sie schreiben, dass Menschen nur selten Gelegenheit haben, sogenannte Nutztiere wirklich kennenzulernen. Wann entstand bei Ihnen der Wunsch, diesen Tieren ein Gesicht und eine eigene Geschichte zu geben?

Ich selbst bin mit Nutztieren aufgewachsen. Die Nachbarn gegenüber hatten Milchkühe, meine Patentante hatte Gänse und Schweine, wir selbst hatten Hasen und Hühner. Haustierhaltung, wie sie heute üblich ist, gab es möglicherweise in »betuchteren« Kreisen, die mir verschlossen waren. In unserem Dorf hatten alle Tiere eine Aufgabe. Die Hunde halfen bei der Jagd oder bewachten den Hof. Die Katzen reduzierten die Mäusepopulation. Alle Tiere lebten mit den Familien, wurden ordentlich versorgt ohne sie zu vermenschlichen. Fleisch gab es zu besonderen Gelegenheiten. Ich habe aber auch erlebt, wie sich mit wachsendem Wohlstand die Situation veränderte. Fleisch gehörte schließlich zu fast jeder Mahlzeit, wurde auf Vorrat gekauft und in immer größeren Mengen produziert, bis schließlich die Fleischindustrie ihren Siegeszug feierte und damit das Produkt Fleisch unter für die Tiere qualvollen Bedingungen hergestellt wurde. Hinter die Mauern dieser Tierfabriken blickt selten jemand und die Fleischwerbung vermittelt ein geschöntes, an der grausamen Realität vorbeigehendes Bild. Das gilt besonders für die Schweineproduktion. Aus meiner Sicht ist es wichtig, dieses falsche Bild zurechtzurücken, damit Verbraucherinnen und Verbraucher, insbesondere Kinder, die Chance erhalten, Nutztiere nicht nur in Einzelteilen tot auf dem Teller, sondern als lebendige Wesen kennenzulernen.

Warum wollten Sie ausgerechnet ein Schwein von seiner Geburt bis zur Schlachtreife begleiten – und kein Tier, dessen Geschichte ein glücklicheres Ende verspricht?

Bauernhofromantik wird andernorts beschrieben. Ich möchte die Realität zeigen. Und zu der gehört, dass 99 Prozent der Schweine, die gegessen werden, bis zu ihrem frühen Tod unter extrem qualvollen Bedingungen produziert werden. »Meine Tilly« hatte dagegen bis zu ihrem Tod ein schönes Schweineleben. Nutztierhaltung geht also auch ohne Tierleid.

In Ihrem Vorwort sprechen Sie von der widersprüchlichen Tierliebe der Menschen: Haustiere werden verwöhnt, während das Leben von Nutztieren oft ausgeblendet wird. War genau dieser Widerspruch der eigentliche Antrieb für das Buch?

Nun, es mutet schon seltsam an, wenn Frauchen oder Herrchen ihre Liebe zu Hunden oder Katzen zelebrieren, während sie sich ohne mit der Wimper zu zucken das Kilo Schweinesteak für 9,99 € auf den Grill hauen. Mein Antrieb für das Buch war, zu zeigen, dass hinter dem Produkt Schweinefleisch ein Lebewesen Schwein steht.

Was wussten oder dachten Sie über Schweine, bevor Sie Tilly kennenlernten – und welche dieser Vorstellungen mussten Sie im Laufe des Jahres revidieren?

Wie gesagt, ich kannte Schweine von Kindheit an. Aber ich hatte noch nie Gelegenheit gehabt, ganze Schweinefamilien in Interaktion miteinander zu erleben. Mir war nicht bewusst, dass Schweine ganzjährig ohne Stall im Freien leben können. Und ihre Selbstständigkeit, z. B. dass Sauen ihre Nachkommen quasi heimlich ohne menschliche Hilfe auf die Welt bringen, war mir neu.

Sie wollten Tilly „in all ihrer Lebendigkeit sichtbar machen“. Was bedeutet das konkret: Welche Seiten eines Schweins bleiben den meisten Menschen normalerweise verborgen?

Das soziale Miteinander. Vor allem die jungen Schweine beeindrucken mit ihrer Kraft und Schnelligkeit. Sie sind unablässig gemeinsam unterwegs, haben viel Körperkontakt, pflegen und liebkosen sich. Wenn sie »chillen«, liegen sie dicht beieinander. Und alte und junge Schweine genießen ihr Futter, ihre Schlammbäder oder wenn sie mit dem Schlauch geduscht werden. Ihre Lebensfreude beglückt beim Zusehen.

Gab es während Ihrer Besuche in der Schweinothek einen bestimmten Moment, in dem aus dem beobachteten Tier für Sie endgültig eine unverwechselbare Persönlichkeit wurde?

Je häufiger ich die Schweine besuchte und je größer sie wurden, desto mehr ließen sich bei meinen Beobachtungen Unterschiede im Verhalten erkennen. Tilly musste sich als die Kleinste oft wehren und das tat sie von Anfang an. Nach und nach bemerkte sie wohl auch, dass ich speziell hinter ihr her war und sie mit meiner großen Kamera in den Fokus nahm. So kam es bei den letzten Besuchen zu besonders schönen »Augenblicken« zwischen uns beiden.

Tilly lebte artgerecht, war aber dennoch ein Tier, dessen Leben von Anfang an wirtschaftlich bestimmt war. Wie sind Sie persönlich mit diesem Spannungsfeld umgegangen?

Als wir uns kennenlernten, vertraute der Züchter mir an, dass er Vegetarier wäre, wenn er nicht die eigenen Tiere essen könnte. Ich bin Vegetarierin und möchte mit dem Buch zeigen, dass man auch Fleisch essen kann, ohne dass die Tiere vor der Schlachtung gequält werden müssen.

Das Buch stellt auch die Frage, welchen Anteil die Verbraucherinnen und Verbraucher an den Lebensbedingungen von Nutztieren haben. Wollten Sie mit „Schweineleben“ bewusst zum Nachdenken über den eigenen Fleischkonsum anregen?

Es gibt viele Menschen, die sich für mehr Tierwohl aussprechen. Aber es ist nun mal Realität, dass nur knapp ein Prozent der Schweine in ökologischer Wirtschaftsweise gehalten werden. Wer etwas gegen den Klimawandel und für mehr Tierwohl tun möchte, ohne ganz auf Fleischkonsum zu verzichten, kann damit anfangen, bewusst weniger Fleisch mit mehr Qualität zu einem höheren Preis zu kaufen, der den hohen Aufwand abbildet, den artgerechtere Tierhaltung nun einmal erfordert.

Sie haben ein Jahr lang beobachtet, fotografiert, recherchiert und Gespräche geführt. Hat sich während dieser Zeit auch Ihre eigene Haltung zu Tierhaltung, Landwirtschaft oder Fleisch verändert?

Ich habe gesehen, gehört und miterlebt, wie aufwändig echte ökologische Landwirtschaft ist. Und ich bin voller Hochachtung gegenüber dem Züchter Bernd Bornheimer-Schwalbach, der zu jeder Jahreszeit alles daran setzt, den Tieren ein gutes Leben zu bereiten, und dabei nicht selten auch an oder über die eigene Belastungsgrenze kommt und dennoch keine Abstriche an seiner Haltung macht.

Was wünschen Sie sich, wenn Leserinnen und Leser das Buch zuklappen: Was sollen sie über Tilly – und vielleicht über alle Schweine verstanden haben?

Es wäre schön, wenn alle, die das Buch gelesen haben, sich emotional berührt und bereichert fühlen. Und – falls sie es bisher nicht getan haben – in Zukunft dem Nutztier Schwein – ob sie es essen oder nicht – die ihm gebührende Wertschätzung entgegen bringen.

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